Ich stand hinter der Treppenhaustür, die zum Innenhof führte, und unterdrückte ein unpassendes Niesen. Als der Polizeiwagen angekommen war, waren alle in den vierten Stock gegangen und dann in den Hof zurückgekehrt. Mich hatten sie auch gerufen. Das Rauschen des Funkgeräts eines Beamten hallte im Hof wider. Soltani lehnte sich an die Tür. Der Beamte fragte:

„Wie lange wohnt dieser ‚Peyman‘ schon hier?“

„So fünf, sechs Jahre…“

„Ist er allein?“

„Manchmal besucht ihn seine Schwester.“

„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“

Frau Soltani wohnte im ersten Stock und protokollierte das Kommen und Gehen von jedem, aber Peyman war ihr blinder Fleck:

„…Er kommt und geht irgendwie so, dass man es gar nicht merkt…“

Der Beamte fragte:

„Sie meinen, er ist all diese Treppen heimlich hochgeschlichen?…“

Hushang antwortete:

„Irgendwie schon, sehr unauffällig, wie ein Käfer…“

Hushang hatte einen kleinen Eisenwarenladen und wohnte mit seiner Frau Afsaneh im zweiten Stock. Er fügte hinzu:

„Eines Tages wollte ich gerade aufschließen, da sah ich, dass seine Balkontür offen war; ich hatte noch nie gesehen, dass er sie offen lässt…“

„War die Eingangstür auch offen?“

„Ähh… ja…“

Ein kalter Wind, der Hushangs Zigarettenrauch mit sich trug, kroch unter den Türangeln hindurch und zog in die Kapillaren meiner Nase. Mein Niesen verwandelte sich in Tränen, die meine Sicht verschwimmen ließen. Es wurde zu Blut, das ich nicht aus meiner Nase entkommen ließ. Wenn ich mich an die Wand drückte und die Treppe hinaufging, würde mein Schatten auf der anderen Seite der Glastür genau hinter Soltani fallen, und niemand würde mich bemerken. Ich setzte meinen Fuß auf die erste Stufe.

Der Beamte sagte:

„Wo ist denn Ihre Nachbarin aus dem dritten Stock?“

Soltani antwortete:

„Ich rufe sie gleich mal an…“

Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich schlug mir auf die Tasche. Ich erinnerte mich, dass ich mein Handy zuletzt auf dem Küchentisch gesehen hatte. Der Beamte fuhr fort:

„Hatten Sie oder einer der Nachbarn jemals Probleme mit Peyman?“

„Nein, Herr Kommi… Nein, mein Herr! Wir sind nicht die Art von Leuten, die mit Nägeln und Messern auf jemanden losgehen, nur weil er sein Auto vor die Garage stellt! Höchstens mal ein böser Blick, ein ‚Entschuldigen Sie mal!‘“

Hushang fügte hinzu:

„Wir klappen höchstens die Scheibenwischer hoch…“

Soltani redete weiter:

„In diesem Viertel sind alle wie eine Familie… Wie Shahins Tochter; in diesem braunen Gebäude, wo sie meinten, sie sei weggelaufen… dachten, sie wäre weit weg. Dabei war sie nur in dem weißen Haus am Ende der Straße, bei Karimpours Sohn…“

Hushang kicherte leise:

„Aber wenn Peyman zur Familie gehörte, dann war er wie dieser entfernte Cousin, den man selbst an Neujahr kaum zu Gesicht bekommt…“

Das Aufstampfen des Beamten und sein „Jawohl, Herr Kommissar!“ unterbrachen das Gerede. Auch der Geruch von Hushangs Zigarette und Soltanis Geplapper hörten auf. Sie sprachen nicht mehr, bis man ihnen eine Frage stellte. Der Kommissar stand etwas abseits und hatte nicht diesen Lautsprecher im Hals wie die anderen. Seine Worte verdampften, bevor sie meine Ohren erreichten, nur die Antworten blieben:

„Nein, mein Herr. Die leben im Ausland…“

„Es ist der Makler… Er kümmert sich um all ihre Angelegenheiten…“

 

Gegen sieben Uhr morgens hatte ich auf dem Sofa im Wohnzimmer gelegen. Die ganze Gasse schlief. Die Sonne bahnte sich gerade ihren Weg durch die Kälte. Zuerst durch das Fenster mir gegenüber, dann durch die Glasplatte des Couchtisches, um ihre sieben Farben auf dem Teppich zu verstreuen. Das cremefarbene Sofa im Wohnzimmer war der einzige Ort, der noch nicht unter einem Schnee aus Papier und Pappe begraben war. Acryltuben, Klebstoff, Pinsel und ausgeschnittene Fotos bedeckten die gesamte Wohnung. Ich stellte gerade die Illustration für die letzte Seite einer Geschichte fertig. Ich war hungrig, und der Schokoladenkuchen im Kühlschrank rief nach mir, aber ich wollte nicht, dass mein ruhiger Morgen, der mit mir auf dem Sofa faulenzte, seine Arme von mir nahm.

Das laute Geschrei einer Frau ertönte aus dem Stockwerk über mir. Stöckelschuhe rannten den Flur entlang. Dann Hausschuhe, die ein schweres Gewicht auf den Boden stampfen ließen. Ich sprang aus der Tür und rannte nach oben. Parisa, Peymans Schwester, hämmerte mit beiden Händen gegen die Tür und rief:

„Er geht nicht ran… er geht nicht ran…“

Soltani sagte:

„Vielleicht schläft er, Kindchen…“

„Seit einer Woche…“

„Naja, in den Ferien ist er vielleicht verreist…“

„Sein Telefon. Das ist auch aus… Herr Hushang, können Sie diese Tür öffnen?“

„Ich?…“

„Um Gottes willen!“

„Tun Sie doch etwas. Vielleicht ist ihm schlecht geworden, er ist gestürzt…“

Hushang ging in seine Wohnung und kam mit etwas, das wie ein dünnes Stück Metall aussah, zurück. Afsaneh zog ihn auf dem unteren Treppenabsatz am Ärmel, und sie flüsterten miteinander; Parisas Flehen überzeugte sie. Mit diesem dünnen Metallblech gaben die eisernen Riegel der Tür nach. Parisa drückte die Tür auf; das Geräusch rostiger Scharniere mischte sich mit dem Wind und hallte im Treppenhaus wider. Die Eingangstür öffnete sich zu einem kleinen Wohnbereich, mit der Küche geradeaus und dem Balkon auf der linken Seite. Die Balkontür stand offen. Der buschige Schwanz einer braunen Katze, Körper- und Fellteile einer schwarzen Katze, Federn und Flügel von Tauben und Krähen lagen vom Balkonboden bis hin zum kleinen Teppich in der Mitte des Zimmers verstreut. Dort lagen weitere Teile von Katzen und Vögeln, als hätten sie sich erneut ineinander verbissen, zusammen mit zerrissenen Papierstücken, die sich den rechten Flur hinunter bis vor die Schlafzimmertür fortsetzten. Kratzspuren von Katzen waren an den alten, verputzten Wänden des Hauses zu sehen, wo die himmelblaue Farbe abblätterte.

Parisa holte entsetzt Luft. Sie ballte die Hand zur Faust und schlug sich auf die Brust.

Mein Kiefer begann zu zittern. Es fühlte sich an, als würde ein mit Eis gefüllter Luftballon in meiner Nase platzen. Bevor meine Hände mein Gesicht erreichten, öffneten sich meine Lippen… aber ich hatte das verirrte Niesen so lange zurückgehalten, dass es wie ein trauriger Seufzer herauskam. Hinter der Tür gingen die Gespräche weiter. Ich atmete erleichtert auf und schlich mich von der Ecke der Wand nach oben. Noch bevor ich den Treppenabsatz erreichte, schob mich der kalte Wind von hinten an. Als ich mich umdrehte, stand Hushang im Türspalt:

„Ah!… Hier ist sie ja!…“

Ich erstarrte auf der Stelle.

Noch bevor Soltani ihren Kopf hereinstecken, die Augenbrauen hochziehen und mich herausziehen konnte, hob Hushang das Metallblech auf, das er unter die Treppe geworfen hatte, und stopfte es zerknüllt in seine Tasche. Soltani sagte:

„Bitte sehr, Herr…“

Der Beamte betonte:

„Er ist der Kommissar!“

Ich stand direkt vor dem Kommissar. Ich war keine gute Lügnerin, und mit Fragen durchlöchert zu werden, noch dazu Aug in Aug, trocknete mir den Hals aus. Er machte eine Pause. Er sagte:

„Sie haben uns also endlich mit Ihrer Anwesenheit beehrt!…“

Die Farbe seiner Augen kam dem Blau sehr nahe, das man im Meer nahe der Horizontlinie sieht.

„Sie haben nichts von diesem Peyman gehört?“

Und seine Stimme hätte das Meerwasser zum Kochen bringen können.

Soltani wurde zuerst nervös:

„Nein, der Arme, er ist doch auch nur wie wir…“

Dann versagte ihr unter dem Blick des Kommissars die Sprache.

Ich flüsterte:

„Nein…“

„Hatten Sie auch Kontakt mit ihm?“

„Nein.“

Das Bild meiner Ohrringperle, die in Peymans Wohnung auf dem Boden lag, brannte sich in meinen Kopf. Ich wiederholte:

„Nein, überhaupt nicht…“

Er machte wieder eine Pause. Es schien, als hätten sich seine Augen an meinen Pupillen festgekrallt:

„Und an dem Tag, als diese Tiere da oben übereinander hergefallen sind?… Haben Sie da nichts gehört?…“

Er hätte jede beliebige Antwort aus mir herausziehen können. Ich senkte den Blick:

„Ich habe nichts gehört… Ich höre viel Musik… laut.“

Das Husten von Afsaneh erreichte zusammen mit dem Klackern von Parisas Absätzen den Hof, bevor sie selbst da waren. Ich spürte, wie das Gewicht dieses Blickes von meinem Gesicht verschwand. Afsaneh hielt Parisa mit einer Hand am Arm und drückte mit der anderen die Tür auf. Sie sagte:

„Wir haben gefragt… aber die Nachbarn haben ihn nicht gesehen…“

Sie stellten sich in eine Ecke. Der Kommissar sagte:

„Wissen Sie, mit wem er am meisten geredet oder wen er gegrüßt hat?“

Afsaneh dachte nicht lange nach:

„Niemanden. Er war schüchtern. Nicht, dass er gestottert hätte…“

„Haben Sie ihn in den letzten ein, zwei Wochen gesehen?“

„Vielleicht… an dem Tag, als ich vom Gemüsemarkt kam… da sah ich, dass er einen Karton im Arm hatte. Den hatte ich auch schon früher gesehen…“

Sie drehte sich zu Parisa um:

„Was hat er da kartonweise gekauft?“

Parisa hatte mitten in ihrem blassen, knochigen Gesicht zwei kastanienbraune Augen, um die herum die Haut die Farbe gekochter Rote Bete angenommen hatte; sie war zu einer großen Stoffpuppe geworden, die man am Arm festhielt, damit sie nicht umfiel. Manchmal murmelte sie etwas vor sich hin, von der Hitze der Sorgen, die in ihr brodelten. Sie sagte:

„Für seine Kalligrafien wahrscheinlich…“

Der Kommissar warf einen Blick auf das Papier mit der Personenabfrage in seiner Hand:

„Nun, dieser Mann war früher Angestellter…“

Hushang sagte:

„Er meinte selbst, er hätte vor vielen Jahren bei der Versicherung gearbeitet, sich dann aber abfinden lassen.“

„Seine Arbeit jetzt ist also… nur diese Kalligrafie, ja?“

Parisa nickte zustimmend. Afsaneh sagte:

„Es schien, als ob Leute bei ihm bestellten, jemand kam und holte die Bilder ab.“

„Wachtmeister Abadi, sehen Sie, ob Sie eine Spur von dem Kerl finden können… Wir gehen wieder nach oben, alles, was Sie finden, geht zur Spurensicherung.“

Fieber und Schüttelfrost überkamen meinen Kopf und Nacken; krochen meine Brust hinab und krallten sich in meinen Magen. Der Wachtmeister befolgte den Befehl, rief einen Polizisten, und beide gingen hinter dem Kommissar in den vierten Stock. Man hatte uns gesagt, wir sollten im Hof bleiben, aber unsere fünfköpfige Armee betrat zusammen mit ihnen Peymans Wohnung.

Im rechten Flur, der am Schlafzimmer vorbeiführte und im Wohnzimmer endete, stiegen wir über die zerfetzten Überreste der Tiere. Die rote Perle zwischen blutigen Knochen und Federn zu finden, war schwer für mich. Vielleicht war mehr als eine Perle von meinem Ohrring abgefallen. Der Kommissar fragte Parisa:

„War diese Zimmertür immer verschlossen?“

„Ja… bis auf heute.“

Er hielt einen Moment inne:

„Sie ist offen?! Warum dann…?“

„Ich habe mich nicht getraut…“

Hushang sagte:

„Bis wir heute Morgen kapiert haben, was los ist, kam ein Windstoß und hat sie zugeknallt. Die Falle klemmt…“

„Azimi!“

Der Polizist sagte „Jawohl, Herr Kommissar“ und stellte seinen Werkzeugkasten ab. Er zog ein Paar Einweghandschuhe aus der Tasche. Der Kommissar fuhr fort:

„Fehlt etwas von seinen Sachen? Irgendwelche Wertsachen…“

„Er hatte keine… woher auch?…“

Wir standen im Wohnzimmer. Ich musste die Umgebung des Samtsofas absuchen. Die Unruhe der Muster des roten Teppichs, der bis unter das Sofa reichte, erschwerte meine Arbeit. Parisa senkte den Kopf:

„Vielleicht hatte er ja welche… Ich… sehe ihn erst seit einem Jahr.“

„Hatten Sie sich zerstritten?“

„Als er sich in Sogol verliebte… eines Nachts… sind sie zusammen nach Teheran gekommen… Wir hatten zehn Jahre lang nichts von ihm gehört…“

Sogol! Peyman hatte einen kurzen, blassen Moment lang von seiner Familie erzählt. Aber vom Namen seiner Liebe, nein.

„Ihre Eltern, in all diesen Jahren…“

„Mein Vater… solange er lebte, sagte meine Mutter ihm immer: ‚Ich verzeihe dir nicht, wenn du ihm nachgehst!‘“

Soltani sagte:

„Gut, dass du gegangen bist…“

„…Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben!“

Unter dem Türspalt des Schlafzimmers warf Abadi einen Blick hinein. Azimi kniete nieder, um das seltsame Schloss mit den drei Schlüsseln zu untersuchen.

„Wo ist diese Sogol jetzt?“

Parisa öffnete die Hände und zuckte mit den Schultern.

„Sie muss doch irgendwelche Verwandten haben!…“

„Ihr Vater… der hatte gesagt, wenn sie zurückkommt, schneidet er ihr den Kopf ab…“

Der Kommissar nickte und presste die Lippen aufeinander. Sein Blick fiel auf das Kalligrafie-Gemälde an der Wand, das Peyman mit schwarzer und goldener Tusche gemalt hatte. Das Bild war voller umherirrender Wörter und Buchstaben, die ineinander verwoben waren. Bevor er ein Wort daraus entziffern konnte, setzte ich mich auf das Sofa. Dasselbe, das mich und Peyman zum ersten Mal, Aug in Aug, aufgenommen hatte. Ich hatte mir damals gedacht, abgesehen von seinem seltsamen Äußeren ist er ein ruhiger und harmloser Nachbar; aus Respekt vor der Menschlichkeit sollte ich seine Einladung nicht ablehnen. Mitten in den ersten Gesprächen legte er plötzlich seinen rechten Arm um meinen Hals und zog mich zu sich. Er schloss die Augen und hob den Kopf. Es war, als wollte er nicht mich küssen, sondern meinen Duft. Ich entwand mich seinem Griff und stand auf. Er sagte nichts. Er verstand es an meiner Art zu atmen und daran, dass ich meine Nackenmuskeln anspannte. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte und wie ich hinausging. Ich dachte, der Abdruck seiner Hand sei auf meinem Hals geblieben. Vor dem Spiegel merkte ich, dass einem meiner Ohrringe etwas fehlte.

Ich spielte mit meinen Schnürsenkeln. Unter dem Sofa fand sich außer Staub nichts auf dem Boden. Der Blick des Kommissars hing immer noch an dem Gemälde:

„Gab es in letzter Zeit… eine Veränderung in der seelischen Verfassung Ihres Bruders?“

„Er war traurig… sein Stottern war auch schlimmer als zuvor.“

Azimi gab bei Schloss und Türgriff auf, ging mit Brecheisen und Hammer auf die Scharniere los und schob die Tür beiseite. Wir machten dem Kommissar Platz, und sobald er hindurch war, drängten wir uns im Flur hinter ihm zusammen. Unsere Kinnladen stießen an die Schultern der anderen.

Das Zimmer war vom Boden bis zur Decke voll mit kleinen und großen bunten Notizzetteln, die sich übereinander stapelten. Es war, als hätte ein Sturm sie durch das Zimmer gewirbelt und einige zerrissen; ein Sturm aus Katzen, die an den Wänden gekratzt hatten. Als sich die Tür öffnete, bewegten sich ein paar Zettel mit dem Luftzug, der einen bitteren Geruch mit sich trug, und trafen Azimis Nase. Der Kommissar schnappte sich einen aus der Luft und hielt ihn sich vors Gesicht. Er las leise vor:

„Als du das erste Mal… auf… meiner Schulter… eingeschlafen bist. Der Duft deines Parfüms und… deine langen… langen Wimpern.“

Er zog einen weiteren Zettel über seinem Kopf, nahe der Decke, heraus. Soltani sagte zu mir:

„Lies mal, Kindchen, schau mal, was das ist?“

„Als ich für dich… vio… violette Akazien gepflückt habe… die Hunde vom Garten sind hinter… unserem Fahrrad… hergerannt.“

Den nächsten, den der Kommissar von Azimis Schulter nahm, las Hushang vor. Er wollte loslachen, hielt sich aber zurück:

„Als wir tanzten und… uns drehten und… aufs Bett fielen… das Telefon klingelte… wir sind nicht aufgestanden…“

Parisa stieß uns beiseite und fing wie verrückt an, nach jedem einzelnen Zettel zu krallen. Als wäre Peyman ein Stück Papier, das sie finden musste. Afsaneh und Soltani schafften es mit viel Mühe, ihre Arme zu greifen und sie davor zu retten, unter Millionen von Notizen begraben zu werden, die anscheinend alle romantischen Momente von Peyman und Sogol darstellten. Bevor sie genug Papier herausschaufeln konnten, um das Innere des Zimmers richtig zu sehen, bat der Kommissar Abadi, kurz an die frische Luft in die Küche zu gehen. Von der Küche aus sah man nur einen Haufen Zettel, die aus dem Zimmer geworfen wurden; dann ging Azimi hinein, und als er aus dem Herzen des Zimmers wiederkam, war er nicht mehr Azimi.

Der Kommissar sagte ihm, er solle sich vom Zimmer entfernen. Azimi presste seinen Rücken an die Wand. Er starrte ins Leere. Wären seine Augen nicht offen gewesen, hätte man sein Gesicht nicht von der weißen Gipswand unterscheiden können. Peymans Schwester schrie und fragte ihn, was er gesehen habe. Als wären wir Fliegen, die er von sich verscheuchen wollte, winkte er mit der Hand in der Luft nach uns. Er nahm einen tiefen Atemzug, löste seinen Rücken von der Wand und stürzte sich zur Wohnungstür hinaus. Der bittere Geruch hatte mich betäubt. Ich sah Abadi und den Kommissar miteinander reden, aber ich verstand ihre Worte nicht. Abadis Stimme wurde klar, als er näherkam und meinen Arm griff:

„Haben Sie nicht gehört, was der Kommissar gesagt hat? Alle raus. Jeder geht zurück in seine Wohnung…“

Begleitet von Parisas Jammern, die nach Azimi suchte, gingen wir die Treppe hinunter, als uns das Kreischen der Scharniere der Dachtür in den Kopf setzte, dass Peyman vielleicht dort oben aufgetaucht war. Alle rannten los, als hätte jemand nach uns gerufen. Auf dem Dach tanzte ein ausgelassener Wind und wirbelte die restlichen Taubenfedern in die Luft. In einer Ecke fanden wir Peymans Hausschuhe. Abadi kam an und nutzte Hände und Füße, um uns die Treppe hinunterzutreiben.

Parisa lehnte sich an die Wand und sank auf die Knie. Wir standen schon eine halbe Stunde in der Wohnung von Hushang und Afsaneh herum und überlegten, wie wir ins obere Stockwerk gelangen könnten. Ich hörte eine traurige Symphonie aus Schritten, die die Treppe hinaufgingen, dem Ein- und Ausschalten von Abadis Funkgerät und der Sirene eines weiteren Polizeiwagens, der sich den Weg durch die Menschenansammlung bahnte.

Soltani tippte mir mit den Fingerspitzen auf den Arm. Sie sagte:

„Geh mal weg von der Tür. Das ist genau mein Ding!…“

Wir öffneten den Türspalt schulterbreit für sie. Sie ging die Treppe hoch.

 

Eine Zeit lang starrte ich jeden Abend, wenn ich das Geschirr spülte, auf das dunkle Fenster im Hinterhof. Die Abwesenheit von Soltani war, als würden Strom und Internet gleichzeitig ausfallen. Tausend Märchen und Wahrscheinlichkeiten darüber, was sich in den letzten Jahren über unseren Köpfen abgespielt hatte, schwammen in meiner Gehirnflüssigkeit. Wenn ich die Treppe auf- und abging, drückte ich mich an die Wand und versuchte, nicht nach oben zu schauen, aber draußen suchte ich nach Neuigkeiten von Peyman. Auch die Leute aus dem Viertel senkten die Stimme, wenn sie uns sahen, und unbeantwortete Fragen sprangen aus ihren Augen. Schließlich fiel an jenem Abend ein Licht aus Soltanis Fenster auf die Wand. Ich sprang ans Fenster. Sie zog den Vorhang zur Seite:

„Wie geht's, Kindchen?“

„Hallo… wie geht es Ihrem Enkelkind?“

„Gut, aber winzig! Zweieinhalb Kilo… jetzt wollen sie ihr auch noch Milchpulver geben, so wird die doch nicht groß… Wenn meine Tochter bei mir wäre, wöge das Kind jetzt sechs Kilo. Sag mal, wo sind die eigentlich?“

„Afsaneh? Weiß ich nicht, aber wenn Sie Neuigkeiten von oben suchen, denen geht's wie mir!“

„Das heißt, absolut gar nichts?!“

„Naja, Sie waren die Letzte, die hochgegangen ist.“

„Die haben mich ja keinen Fuß reinsetzen lassen! Und dann rief mein Schwiegersohn an… jetzt nervt mich der Polizist an der Tür: ‚Sie dürfen die Stadt nicht verlassen…‘ Ich sage: ‚Meine Tochter liegt im Krankenhaus, soll ich hier rumstehen?‘… Er sagt: ‚Das ist ein Befehl, Mutter…‘. Ich sagte: ‚Deine Mutter ist ein Befehl!‘ Kurz gesagt, ich habe den Kommissar so angefleht… und ihr standet da und habt gewartet, bis ich komme! So wie die Dinge stehen, muss ich jetzt zu Mir-Ata. Der hat die ganze Zeit mit den Beamten getuschelt. Ist auch ständig um Parisa herumgeschwänzelt. Huch! Ich habe ganz vergessen, das Mädchen anzurufen!“

„Die haben sie doch nicht etwa behalten, die Arme?!“

„Als sie sie mitgenommen haben, haben sie nichts gesagt?“

„Gar nichts! Sie meinten nur, vielleicht rufen wir Sie alle auch noch aufs Revier; zur Aussage und so…“

Und wie sehr ich mir wünschte, sie würden das tun…

„Halt dich bereit, ich sag dir Bescheid.“

Zwanzig Minuten später rief sie mich auf dem Handy an. Eilig suchte ich ein sauberes T-Shirt ohne Farbflecken. Der Geruch der Schuhe vor Soltanis Tür füllte das ganze Treppenhaus. Mein Blick fiel auf die Katze mit dem abgerissenen Schwanz, die auf den Treppen zum oberen Stockwerk ihren Kopf durch das Geländer gesteckt hatte. Nur sie durfte sich durch die gelben Bänder vor Peymans Etage zwängen und ihre Krallen an dem Polizeisiegel seiner Eingangstür wetzen.

Ich klopfte zweimal sanft an Soltanis Tür und trat ein. Eine Mischung aus Bewohnern unserer Straße und den angrenzenden Gassen saß auf allem, was sie finden konnten. Der Lärm ihrer Gespräche und das Weinen der quengeligen Kinder auf den Armen der Frauen waren schwindelerregend. Wenn ich zu Afsaneh und Hushang wollte, musste ich auf Zehenspitzen mitten durch die Versammlung, vorbei an Teegläsern und Untertassen navigieren. Mein Blick fiel auf das kleine, alte Sofa in der Nähe der Tür. Shahpar Khanum saß darauf. Als ihre glänzenden jadegrünen Augen auf mich fielen, sagte ich:

„Hallo.“

Sie rührte sich nicht. Sie nickte nur:

„…Setz dich!“

Meine Nieren zogen sich zusammen. Shahpar sah ich nur bei diesen sogenannten „Nachkrisensitzungen“ des Viertels. Herrn Mir-Ata ebenso; er saß in der Mitte des Raumes. Er sagte:

„Gut, dass ihr alle gekommen seid… besonders die mit Kindern… Allein schon wegen der Kinder muss man aufpassen, in was für einer Gegend man lebt…“

Mir-Ata und Shahpar wohnten jeweils in Gassen, die in unsere mündeten; sie waren gigantische Radioteleskope, im Vergleich zu denen Soltani nur als kleine Zentralantenne galt. Dieses goldene Dreieck hatte die Antworten auf alle Fragen in sich, aber die Seiten konkurrierten miteinander und gaben die Geheimnisse nicht preis, solange sie nicht an einem Ort versammelt waren. Es war genau diese Versammlung, die ihrer schmutzigen Neugier den Anstrich von weisen Dorfältesten gab.

Soltani sagte:

„Nicht, dass wir nicht aufgepasst hätten, ne… nein!… Dieser Gottlose kam und ging genau wie dieses… Dings… wie heißt das noch gleich?…“

Sie stotterte, eine der Frauen sagte:

„Ein Dschinn..?… Man sagt, der war in seinem Zimmer…“

Shahpar kniff die Augen ein wenig zusammen. Sie sagte laut:

„Wer von euch wusste, dass dort… neben Tieren… auch Menschenknochen gefunden wurden?…“

Meine Schädeldecke wurde heiß, und eine Schar Ameisen machte sich unter meiner Haut vom Nacken in Richtung meiner Schläfen auf den Weg.

Jemand fragte:

„Wen hat er umgebracht?“

Shahpar ließ die Bombe platzen:

„Seine arme Frau…“

Die heißen Ameisen fielen mir vom Hals in den Magen.

Mir-Ata hustete ein paarmal laut und sagte:

„Da hat man euch falsch informiert…“

Er spielte sein Ass aus:

„Seine Frau war krank…“

Eine Frau fragte:

„Warum hat dieser Verrückte sie dann behalten?“

Einige Leute sagten:

„Gegen Gottes Wort kann man nichts sagen.“

„Die Toten gehören in die Erde…“

Ein junger Mann meinte:

„Manche verbrennen sie auch…“

Neben dem Esstisch saß ein Mann im Schneidersitz auf dem Boden. Sein Blick war auf den Teppich gerichtet. Er sagte laut:

„…Wenn ich könnte, würde ich meine Liebste auch nicht unter die Erde bringen wollen…“

Einer der Gäste sagte:

„Was redest du da, Abbas?!“

Abbas hob den Blick vom Teppich:

„Meine Tochter, wie ein Blumenstrauß… frisch und wunderschön… sie haben sie eingewickelt und ins Grab gesteckt… Warum sollen wir zulassen, dass die Würmer ihr Gesicht zerfressen?…“

Ein bärtiger Mann mit bis zum Kragen zugeknöpftem Hemd sagte:

„Rede nicht so gotteslästerlich, Abbas Agha…“

Die Gäste begannen, über Abbas zu tuscheln, bis jemand fragte:

„Agha Mir-Ata, wann ist die Frau denn gestorben?“

Mir-Ata sagte:

„…Das… das erzähle ich euch nächste Woche…“

Als Shahpar in den Hof ging, um mit ihrem Handy zu telefonieren, beugte ich mich vor und fragte den Nachbarn, der neben meinen Knien auf dem Boden saß:

„Kennt Mir-Ata den Kommissar?“

„Nein. Er hat jemanden in der Gerichtsmedizin… Von dort haben sie erfahren, dass in diesem Zimmer die Knochen der verstorbenen Sogol gefunden wurden…“

Er hielt sich den Mund dicht ans Ohr:

„Stell dir das mal vor… Diese Rippen und Oberschenkel- und Beckenknochen der armen Frau lagen dort einfach so herum… Ihre Kleidung war auch da… Getrocknete Akazien, ihre geflochtenen Haare, er hat alles von ihr aufbewahrt… Und man sagt, die Tiere haben die meisten Teile weggeschleppt…“

Mein Hals und Mund trockneten aus, zusammen mit dem Blut, das in meiner Brust pochte. Ich hörte die Schritte und das Keuchen von Peyman, wie er einer der Katzen hinterherjagte, um Sogols Augen aus ihrem Maul zu ziehen… Den Moment, in dem er atemlos stehen blieb und sich selbst dafür verfluchte, die Türen offen gelassen zu haben, sah ich vor mir… Die Luft der Wohnung, die vom Zerfall Sogols schwer wie das Wasser des Ozeans auf seinem Körper lastete, zog ich in meine Lungen…

Afsanehs Hand wedelte vor meinem Gesicht auf und ab. Sie sagte:

„Du bist ja gar nicht hier! Steh auf, lass uns die Teegläser einsammeln.“

Soltani verabschiedete die Gäste.

*

Das Kreischen der kleinen Mädchen im Hof kratzte in meinen Ohren. Ich zog den Vorhang in meinem Zimmer heimlich ein Stück zur Seite. Sie hatten sich noch nicht gegenseitig umgebracht. Das kleinere Mädchen hielt die plüschige Katzenpuppe im Arm, und die andere rannte ihr hinterher. Hinter den Fenstern auf der anderen Seite der Gasse waren einige Augenpaare auf unser Gebäude gerichtet. Meine Augen jedoch sehnten sich nach dem Meer. Den Kommissar hatte ich zuletzt gesehen, als er neben dem Polizeiwagen stand. Zwischen ein paar genervten Beamten und geschwätzigen Nachbarn rief er mich zu sich:

„Passen Sie auf, wenn Sie Peyman oder irgendeine verdächtige Person in der Nähe des Hauses sehen, müssen Sie sofort Bescheid geben.“

Die Stimme oder der Atem, was auch immer aus dieser Brust kam, war wie der Sand am Strand im Sommer. Ich fragte:

„Kommt er wieder?“

„Was denken Sie denn?“

„In diesem Zimmer…“

Er sagte laut:

„Abadi!… Räumen Sie die Gasse. Sie sollen gehen, niemand soll hier sinnlos herumstehen…“

Leise fuhr er fort:

„Vergessen Sie dieses Zimmer. Sie wollen mir etwas sagen, nicht wahr?“

Kalter Schweiß bedeckte meine Kopfhaut.

„Ich?“

„Über Peyman oder wer hier ein- und ausging…“

„Nein…“

„Ist Ihnen nichts mehr eingefallen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wenn doch, sagen Sie Bescheid, verstanden?“

Ich schüttelte wieder den Kopf.

Lange Zeit hatte ich überall nach einem ungepflegten, nervösen Mann gesucht, der im Park Katzen jagte und Tauben die Flügel ausriss. Oder der in einer Ecke auf dem Bürgersteig mit Stift, Tusche und Papier saß, oder unter den Treppen der U-Bahn eingeschlafen war. Obwohl ich panische Angst davor hatte, hinzugehen und in das Gesicht dieses Mannes zu schauen, konnte man nicht mit leeren Händen zum Kommissar gehen. An diesem Tag war ich so viel im Viertel herumgelaufen, dass meine Füße Blasen hatten. Auf der Treppe brachte mich der Geruch von Soltanis Frikadellen auf den Gedanken, den Frust und die Verzweiflung mit ein paar Bissen hinunterzuschlucken. Als sie die Tür öffnete, hatte sie es eilig, in die Küche zurückzukehren, aber als sie an der Schlafzimmertür vorbeikam, blieb sie stehen. Sie nahm einen Karton von einem Holzregal und kam aus dem Zimmer. Sie sagte:

„Dein Handy war gestern Abend aus…“

Das Kreischen eines der Mädchen schnitt ihr das Wort ab.

„Oje!… Wenn ich einen Herzinfarkt kriege, liegt das nicht an meinem Cholesterin! Du bist mein Zeuge!“

Ich sagte:

„Ich setze Kopfhörer auf, wenn die im Hof sind…“

Wir gingen in die Küche. Sie stellte den Karton auf den Tisch und warf die letzten Frikadellen ins Öl.

„Dieser Makler, Mahmoudi, hat der Vermieterin gesagt, oben sei noch versiegelt! Er hat es dieser Frau weit unter Preis vermietet…“

„Sollen wir zur Polizei gehen und es sagen?“

„Was?! Die schmeißen die Arme mit ihren zwei Kindern raus!… Derselbe Mahmoudi hat auch die Kaution kassiert, die er Parisa eigentlich zurückgeben sollte.“

„Hast du was von ihr gehört?“

„Ich wollte wissen, ob sie eine Trauerfeier für Peyman macht oder nicht, sie ist nicht ans Telefon gegangen.“

Es fühlte sich an, als ob alle Blasen an meinen Füßen auf einmal geplatzt wären.

„Wie bitte?!…“

„Hast du nicht gesehen, was sie in der Gruppe geschrieben haben?!“

„Mein VPN ist ausgefallen…“

„Gestern haben sie die Leiche des Armen gefunden; im Abwasserkanal… war auch nicht mehr viel von ihm übrig…“

„Dann… kann man ja nicht mehr hingehen!“

„Wohin?“

„Nichts…“

Sie stellte den Herd ab und wusch sich gründlich die Hände. Dann wandte sie sich dem Karton zu. Ich dachte, ich bekäme noch eine Schüssel zu meinem vergangenen Geburtstag geschenkt, aber als sie den Deckel öffnete, waren meine Augenlider wie gelähmt. Ich fragte:

„Wo… woher ist das?“

„Am Ende der Gasse, lag im Hof von diesem leerstehenden Haus. Zwischen den Blättern…“

„Das waren die Katzen…“

„Oder vielleicht die Krähen…“

„Was willst du damit machen?“

„Weiß noch nicht… Aber ich will Mir-Ata damit den Boden aufwischen… Shahpar drückt mir auch ständig Sprüche, dass es direkt vor meiner Nase war und ich nichts gemerkt habe.“

„Sollen wir es abgeben gehen?“

„Wäre zu schade! Die packen es in eine Tüte und nehmen es mit. Die lassen uns auch niemandem etwas sagen. Aber pass auf!… Wenn Shahpar es sieht, ist es, als hätte das ganze Viertel es gesehen!“

„Aber…“

„Ich behalte es erst mal eine Weile… Später entscheide ich dann…“

Sie schloss schnell den Karton und brachte ihn zurück ins Zimmer. Sie stellte drei Teller auf den Tisch:

„Meine Schwester kommt gleich her. Bleib und iss mit uns zu Mittag.“

Ich hatte keinen Appetit mehr. Sie überließ mir die Zutaten für den Salat. Statt der ersten Tomate schnitt ich mir den Finger bis auf den Knochen ein. Blut färbte die Glasschüssel und die Tischdecke rot. Sie wickelte gerade meine Hand bis zum Handgelenk in einen Verband. Ich sagte:

„Weißt du noch, ich habe dir die Geschichte von meinem neuen Buch erzählt?“

„Nicht, dass mein Gedächtnis schwach wäre, aber weil ich so viele Bücher lese… vermischt sich das…“

„Es geht um einen kleinen Jungen, der im Keller seiner Schule eine Leiche findet…“

„Das, wo…“

„Ich war extra dafür im Museum. Aber die Fotos von den Knochen sind nicht so geworden, wie ich wollte…“

„Gibt's denn keine anderen Bücher, musst du ausgerechnet…?!“

„Ich hab's doch nicht geschrieben!“

„Naja, ständig musst du diese Bilder malen, da kriegt man ja Angstzustände!“

„Das vorherige ist der Zensur zum Opfer gefallen… das hier habe ich gerade erst angefangen…“

„Gott steh uns bei…“

„Darf ich es mitnehmen?“

„Was denn?“

Sie holte entsetzt Luft und starrte mich an:

„Du willst Sogols Kopf in ein Buch packen?“

„Niemand wird merken, dass sie es ist…“

Das Telefon klingelte aus dem Wohnzimmer. Soltani drückte mir Verband und Schere in die Hand und ging:

„Davon will ich nichts hören…“

Ich spülte das Geschirr und nahm die blutige Tischdecke mit in Richtung Bad. Es lag direkt gegenüber dem Schlafzimmer. Durch den Türspalt sah ich das Holzregal. Der Karton und ich sahen uns an.

Tief ins Gespräch vertieft, richtete Soltani die Fransen des Teppichs unter ihren Füßen. Ich legte den Schädel in eine große Schüssel und deckte ihn ab. Das Klingeln der Gegensprechanlage mischte sich in ihre Worte. Ein Ohr am Telefon und ein Auge auf mich gerichtet, öffnete sie ihrer Schwester die Haustür. Ein Telefongespräch in weniger als zwei Stunden zu beenden, kam für Soltani einer Beleidigung gleich. Ich hob die Schüssel leicht an und sagte:

„Ich habe mir ein paar Frikadellen genommen…“

Wir spielten Verabschiedung und Dankbarkeit wie eine Pantomime vor. Ich rannte nach oben. Das Geschrei der Kinder hatte aufgehört. Vor der Tür holte ich Sogol aus der Schüssel. Stücke ihres Kopfes fehlten, was ihn kleiner erscheinen ließ. Es war, als hielte ich den Kopf eines Neugeborenen in der Handfläche. Um die Augenhöhlen herum waren die Farben Rosa und Grau ineinandergelaufen. Zwischen den Zähnen steckte ein Stück von den orangefarbenen Blättern vom Boden der Gasse. Ich konnte den Schlüssel nicht in meiner Tasche finden. Ich musste ihn vom Tisch holen, also musste ich ins untere Stockwerk zurück. Als ich den Kopf drehte, stand eines der kleinen Mädchen ein paar Stufen weiter oben und starrte unverwandt auf den Absatz im vierten Stock.

Das Geräusch der abgehackten Atemzüge eines Mannes drang an meine Ohren. Ich hörte das Klirren von Schlüsseln, die im Schloss gedreht wurden. Er konnte die Tür nicht öffnen und schlug schreiend mehrmals kräftig dagegen. Das kleine Mädchen sah mich mit Tränen in den Augen an. Sie hob die Hand und sagte:

„Meine Puppe!…“

Bevor ich etwas sagen konnte, kam Peyman die Treppe herunter.