An jenem Morgen ging die Sonne wie immer über Kabul auf; friedlich und warm, ahnungslos von dem, was nur wenige Stunden später über die Stadt hereinbrechen sollte. Ich, Maryam, siebzehn Jahre alt und Schülerin der zwölften Klasse der Sayed-ul-Shuhada-Schule, wachte wie jeden Tag um sechs Uhr auf. Es war mein letztes Schuljahr, und der Traum, auf die Universität zu gehen, nahm mit jedem Tag mehr Gestalt in meinem Kopf an. Ich zog meine Schuluniform an und richtete mein weißes Kopftuch. Ich wusste nicht, warum ich an jenem Morgen länger als sonst in den Spiegel sah; es war, als wollte ich mir alles einprägen. Meine Mutter bereitete in der Küche Fladenbrot und Tee zu. Ich aß einen Bissen, griff nach meiner Tasche und verabschiedete mich. Sie sagte: „Komm bald zurück, mein Mädchen.“ Ich lächelte. „Mach ich, Mama.“ Ich trat aus dem Haus. Die Morgenluft streichelte mein Gesicht. Einige Ladenbesitzer zogen gerade ihre Rollläden hoch, und aus den Bäumen war Vogelgezwitscher zu hören. Alles wirkte wie ein ganz normaler Morgen, doch in den Gesichtern einiger Passanten lag eine Sorge, die ich nicht benennen konnte. Ein Mann sprach leise in sein Handy, und eine Frau hastete mit schnellen Schritten an mir vorbei. Ich spürte, dass die Stadt ihre gewohnte Ruhe verloren hatte. Auf dem Weg zur Schule dachte ich an meine Zukunft; an die Universität, mein weiteres Studium und das Leben, für das ich jahrelang gelernt hatte. Etwa zwanzig Minuten später kam ich an der Schule an. Das Tor stand halboffen. Meine Schritte wurden langsamer. Normalerweise hallte um diese Uhrzeit das Stimmengewirr der Mädchen aus dem Hofو das Lachen, die Gespräche und das Blättern von Buchseiten. Doch an jenem Tag fehlten all diese Geräusche. Ich betrat den Schulhof. Nur Kaka Ahmad, der Wachmann der Schule, war da. Als er mich sah, sagte er: „Maryam, mein Kind, warum bist du gekommen? Heute ist niemand erschienen.“ Ich fragte: „Kaka Jan, was ist passiert? Warum sind die Mädchen nicht gekommen?“ Er senkte den Blick. „Es gibt keine guten Nachrichten. Man sagt, die Taliban stehen kurz vor Kabul.“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich fragte: „Wenn sie kommen, was passiert dann mit unserer Schule?“ Er schwieg einen Moment. „Gott ist groß, mein Kind. Noch ist nichts gewiss. Es ist besser, wenn du heute nach Hause gehst.“ Ich dachte an die zwölfte Klasse und meinen Traum von der Universität. Ich sagte: „Aber Kaka Jan, ich muss doch dieses Jahr meinen Abschluss machen.“ Er lächelte bitter. „Inschallah wirst du genau hier wieder lernen.“ In diesem Moment hallten Schüsse aus der Ferne wider. Kaka Ahmad ging zum Tor. „Maryam, warte nicht länger. Geh nach Hause.“ Ein letztes Mal blickte ich auf den Schulhof; auf die leeren Klassenzimmer und die Blumenbeete an der Mauer. Ich drückte das Bonbon, das Kaka Ahmad mir gegeben hatte, in meiner Hand und trat aus dem Tor. Die Straße sah nicht mehr aus wie am Morgen. Die meisten Läden waren geschlossen, und die eisernen Rollläden ratterten einer nach dem anderen herunter. Ein Mann schloss hastig sein Geschäft ab und rannte zu seinem Auto. Eine Frau, die ihr kleines Kind an der Hand hielt, rannte fast. Als ich an einer Gruppe von Männern vorbeiging, sagte einer: „Kabul fällt...“ Meine Schritte verlangsamten sich. Ich wollte seinen Worten nicht glauben. Ein weiterer Schuss fiel. Ich klammerte meine Hand fest um den Träger meiner Tasche. Ich muss nur nach Hause kommen, sagte ich mir. Ich kannte den Weg, doch an jenem Tag wirkte jede Gasse fremd auf mich. Ein Auto raste an mir vorbei. Der Fahrer schrie: „Geh nach Hause, Mädchen! Bleib nicht hier!“ Ich ging weiter. Jedes Mal, wenn ein Schuss fiel, zog ich die Schultern zusammen und sah mich um. Meine Mutter wartete auf mich. Dieser eine Gedanke trieb mich voran. Ein paar Straßen weiter war der Weg fast menschenleer. Die Leute eilten in ihre Häuser, und das Geräusch von Schüssen war mal fern, mal nah zu hören. Meine Lippen waren ausgetrocknet. Ich blieb neben einem halboffenen Laden stehen. Ich fragte: „Onkel, hast du Wasser?“ Der Mann mittleren Alters deutete in die Ecke des Ladens. „Da drüben, mein Mädchen, nimm dir eines.“ Ich nahm eine Flasche Wasser, aber meine Hände zitterten so sehr, dass ich den Verschluss nicht aufbekam. Der Mann nahm mir die Flasche aus der Hand und öffnete sie für mich. Ich trank ein paar Schlucke. Ich sagte: „Ich habe kein Geld bei mir.“ Er lächelte kurz. „Ich will kein Geld. Geh nach Hause, mein Kind. Es ist gefährlich, hier zu bleiben.“ Ich bedankte mich und ging wieder hinaus. Ich war kaum ein paar Schritte gegangen, als ich von hinten das Motorengeräusch eines Ranger-Pick-ups hörte. Ich erstarrte. Der Wagen kam näher. Für einen kurzen Moment dachte ich, es könnten Regierungstruppen sein, doch als ich die Flagge der Taliban sah, wurde mein ganzer Körper eiskalt. Meine Beine hatten keine Kraft mehr, sich zu bewegen. Die Straße war fast verlassen. Ich dachte nur an meine Mutter. Der Wagen fuhr an mir vorbei, und das Motorengeräusch entfernte sich allmählich. Erst da merkte ich, dass ich die Luft angehalten hatte. Ich wollte weitergehen, doch meine Knie zitterten. Ich machte ein paar Schritte, als plötzlich eine Stimme von hinten rief: „Maryam!“ Ich blieb stehen. „Maryam, mein Mädchen!“ Ich drehte mich um. Es war mein Vater. Seine Kleider waren staubig und sein Gesicht wirkte erschöpft. Er eilte zu mir und ergriff meine Hand. Er sagte: „Gott sei Dank habe ich dich gefunden. Deine Mutter ist schon ganz krank vor Sorge. Komm, wir müssen schnell nach Hause.“ Ich sah ihm ins Gesicht. Ich fragte: „Baba... sind die Taliban wirklich gekommen?“ Er schwieg einen Moment. „Ja, mein Kind. Kabul ist nicht mehr so wie heute Morgen.“ Er hielt meine Hand fest umklammert, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg. Unterwegs blickte ich ein paar Mal zurück. Die Schule war nicht mehr zu sehen, doch das Bild des leeren Hofes und des halboffenen Tores war noch immer in meinem Kopf. Ich schaute auf meine Tasche; meine Bücher waren noch darin. Als wir zu Hause ankamen, rannte meine Mutter auf mich zu und schloss mich fest in die Arme. Sie sagte nichts; sie sah nur in mein Gesicht und hielt meine Hände. Ich öffnete meine Tasche. Meine Bücher waren noch immer dort. Ich nahm eines heraus und legte es auf den Tisch. Am Morgen hatte ich noch gedacht, dass ich morgen wieder zur Schule gehen würde. Nun wusste ich nicht, wann ich jemals wieder in diesem Klassenzimmer sitzen könnte. An jenem Tag begriff ich, dass Krieg nicht nur die Straßen verändert; manchmal verändert er auch die Zukunft von Menschen innerhalb weniger Stunden. Ich schloss mein Buch und legte es neben mein Bett. Draußen waren noch immer Schüsse zu hören. Ich blickte auf mein Buch und sagte mir: „Vorerst weiß ich nicht, was morgen passieren wird; aber ich will meinen Traum vom Lernen nicht vergessen.“