In der menschlichen Geschichte haben Schriftsteller:innen aller Zeiten und Bevölkerungen große Teile ihres Lebens im Exil verbringen müssen. Ob Ovid in der Antike, Dante im Mittelalter, Heinrich Heine in Zeiten der bürgerlichen Revolution, oder die Familie Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers, E. M. Remarque, Vicky Baum, Annemarie Selinko u. v. m. während der Naziherrschaft.

 

Wenn in Deutschland von „Exilliteratur“ die Rede ist, denken viele nur an deutschsprachige Literatur im Exil zur Nazi-Zeit. Dabei entsteht diese Art Literatur weiterhin in Deutschland und allen westlichen Ländern, geschaffen von orientalischen, asiatischen oder afrikanischen exilierten Autor:innen.

Flüchtlinge verlieren immer einen Teil der eigenen Kultur, der andere ist durch die Sozialisation im Herkunftsland verinnerlicht und bleibt untrennbarer Bestandteil des Ich. Alle Heimatvertriebenen leiden im kulturellen Schwebezustand, doch für Schriftsteller:innen ist die Lage schmerzhafter. Der Mangel an Sprachkenntnissen bedeutet den Verlust von Kommunikation. Für Autor:innen kommt zum Verlust der Sprache der Verlust des Publikums.

Ohne Sprachkenntnisse ist es unmöglich Werke einer literarischen Öffentlichkeit vorzulegen. Gedichtet wird nun in einer Sprache, die keiner versteht, außer der kleinen Gruppe emigrierter Landsleute, die ihr eigenes Ghetto bilden.

 

Nach meiner Erfahrung durchlaufen Schriftsteller:innen im Exil vier Phasen:

 

1. In der ersten "Phase der Desorientierung" fühlt sich Exil an wie eine Reise, auf der Geld, Pass, alles verloren ging. Ist eine Rückkehr in die Heimat jemals möglich? Aber es besteht Hoffnung, dass die Vertreibung nicht lange dauert. Je länger der Aufenthalt in der Fremde währt, desto mehr wachsen Enttäuschung und Verzweiflung. Das psychische Leid ist groß, viele sind nicht in der Lage ihre schöpferische Arbeit fortzusetzen. Einige flüchten in Alkohol und Drogen. Die Autor:innen opfern oft ästhetische oder dichterische Werte den politischen Notwendigkeiten. Über diese von Verwirrung und Orientierungslosigkeit geprägte Zeit, sagt z.B. M. Cioran, dass exilierte Autoren „ihre Klagen, ihre Schreie, ihre antwortlosen Hilferufe veröffentlichen.“[1]

In den literarischen Arbeiten herrscht oft die Wut der Verzweiflung, eine pessimistische Sicht, wie im Gedicht des persischen Lyrikers:

 „eine verwundete Pinie

auf einem Himmel aus Blei

mit einer toten Sonne.

…

Ich komme aus dem Feld der Lügen

aus bitteren Grüßen

aus kranken Herzen.“ [2]

 

2. In der zweiten „Phase der Nostalgie“ besteht Gewissheit, für lange Zeit oder immer im Gastgeberland bleiben zu müssen. Eine Flut von Erinnerungen überschwemmt die Menschen. Sehnsucht und Heimweh sind stärker denn je. Eine schönere Vergangenheit wird imaginiert. Szenen aus der Kindheit bieten sichere Zuflucht, um das Selbst am Leben zu halten. Autobiographische Erzählungen, die sich mit der Vergangenheit, besonders der Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, auseinandersetzen, werden verfasst.

In dieser Phase entstand mein Roman Die Schatten, in dem der Ich-Erzähler versucht, den mysteriösen Mord an seinem Onkel aufzuklären und mittels erhaltener Portraitfotos vom elften bis fünfzehnten Lebensjahr, eine geheimnisvolle innere Beziehung zu seiner Kindheit herstellt.[3]

Die Fremde ist Schwerpunkt vieler Gedichte. Auch von mir wird in dieser Phase Fremdheit thematisiert:

„Ich wurde wieder ein Kind:

Nur auf den Flügeln der Erinnerung 

flieht man vor der Fremdheit“.[4]

 

oder:

„Ein Vogel fliegt vorbei,

der Mond bleibt stehen,

wie ich.

Ist er auch ein Fremder?“ [5]

 

3. In der dritten "Phase der Selbstentfremdung“, gekennzeichnet von Zweifeln an früheren Ideen und Werten, findet die Auseinandersetzung mit sich selbst statt. Fragen drängen: Wer bin ich? Warum bin ich überhaupt hier? Was ist in meinem Heimatland passiert? War, was ich getan habe richtig? Muss ich in der Opferrolle verharren? Wer ist überhaupt Täter, wer Opfer? War ich ein Mensch, der Demokratie und Freiheit verstand und aufgebaut hätte?

In dieser Phase bleibt in kultureller Hinsicht weder das ursprüngliche Ich, noch entwickelt sich ein gänzlich neues Individuum. Die Werke weisen darauf hin, dass Fremdheit mit der Entfremdung vom selbst verbunden ist. Romanfiguren kennen sich selbst nicht mehr, empfinden sich als andere, oder in ein anderes Wesen verwandelt, wie in Kafkas Verwandlung:

 

„Ich bin ein Rabe. Mein linkes Auge blutet. Mein rechtes Auge blutet. Mein rechter Flügel ist zerbrochen, mein linker… Was mir neulich oft vorgekommen ist, dass ich träume, dass ich ein Rabe wurde, der mich träumt, er träumt, dass er Ich wurde.“ [6]

 

Fremdheit und verbundene Entfremdung werden als "anderes Ich“, ein Schatten oder Feind thematisiert:

 

Von mir ist ein Ich getrennt,

das mich wie ein Gespenst beobachtet.

Ich hasse mein getrenntes Ich;

Ich habe Angst vor ihm.[7]

 

Weitere Sphäre dieser Phase ist die Sprache. Zum einen wird die Trennung von der Muttersprache oder Sprachvergessenheit thematisiert, zum anderen das problematische Verhältnis zur Fremdsprache im Gastgeberland:

 

„Heute hat kein Wort mich angenommen

Heute habe ich

das Wasser Stein genannt,

den Stein Wasser.

Heute habe ich

die Blätter mit dem Wind verwechselt.“ [8]

 

z.B. in meinem Gedicht „Niemandsländische Sprache“:

 

„Ich bin ein Wort,

das seinen Satz verlor.

Seit meiner Geburt

bin ich ein Reisender,

der immer in niemandsländischer Sprache

gelandet ist.

Ich bin ein Wort,

das seinen Satz verlor;

ein paradigmatisches Wesen,

das sein Syntagma sucht.

Ich bin ein Signifikant

ohne Signifié.“ [9]

 

4. In der vierten "Phase der Selbstfindung“ kann das Exil überwunden werden:

Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Kultur des Gastgeberlands ist der Anfang der neuen Identitätsversuche, in der das eigene Selbst und vergangene Ereignisse einer kritischen Betrachtung unterzogen werden:

 

In uns leben die Toten,

die aus unserem altertümlichen Gedächtnis

herausschleichen.[10]

⃰  ⃰  ⃰

Mein Koffer ist voller Erde,

derer ekelhafte Abgenutztheit

füllt den Geruchssinn der Jahre. [11]

 

So das eigene Innere zu betrachten führt dazu, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Den westlichen Gesellschaften ist ein Verständnis von moderner Offenheit, Mündigkeit, Gesetzmäßigkeit und Individualität zu verdanken, wie es in den Herkunftsländern unter über Jahrhunderte währenden despotischen Herrschaften, in Verbindung mit geschlossenem religiösem Weltbild nicht möglich ist.

Wird der Entfremdungszustand im fruchtbaren Lernprozess mit der neuen Kultur verarbeitet, kann in dieser Phase das Exil überwunden werden. Als Bewältigung verstehe ich den Moment, in dem es gelingt, eine neue Identität zu schaffen und darauf eine neue Poesie aufzubauen. Den Prozess der Integration der eigenen Identität an die kulturellen und gesellschaftlichen Parameter des neuen Heimatlandes ist überlebensnotwendige und schmerzhafte Prozedur, die nicht alle Exilliterat:innen durchlaufen, viele stagnieren in den Phasen von Nostalgie oder Selbstentfremdung.

Die vier Phasen des Exils spiegeln sich in meinen Texten. In der letzten Phase entwickeln sich inhaltliche Neuerungen und sprachstilistischen Änderungen. Wobei der kulturelle Einfluss des Gastgeberlandes und dessen Sprache in meiner literarischen Arbeit intensiviert wurden, als ich anfing auf Deutsch zu schreiben. Diese Entwicklung ist nicht geradlinig und unproblematisch verlaufen, weil die Deutsche Sprache für mich eine adoptierte Sprache ist. Lion Feuchtwanger schildert, dass „man lernen kann, sich in einer fremden Sprache auszudrücken; die letzten Gefühlswerte, den fremden Tonfall lernen kann man nicht.“[12]

 

Trotzdem kann das Schreiben in fremder Sprache in eine andere, neue Richtung führen, was die Arbeit bereichert. Meine Persischen Gedichte sind bildhafter als auf Deutsch verfasste. Hier wirken Struktur der Sprache und Andersartigkeit von Wörtern und ihrer Bedeutung.

Meiner Erfahrung nach können grammatikalische Fehler interessante Bilder erzeugen, wie z.B der Artikelgebrauch im Titel meiner Lyriksammlung “Das letzte Gedichtband“ und im folgenden Gedicht, in dessen letzten Vers ich den Dativ („dem“ in „aus dem Wind) nicht anwende und so Worte und Bedeutung in eine andere Richtung führen:

 

Eine nackte Frau

reitet einen Schimmel

am Rande des Augenflusses.

Sie sammelt Vergangenheit aus Wind.

 

In Deutschland werden exilierte Literat:innen überwiegend als politisch unterdrückte Menschen und Protestierende, also als politische Objekte rezipiert, ohne ihre  künstlerischen Fähigkeiten unter literarischen Kriterien wahrzunehmen. Eine Tradition aus Zeiten der Ost-West-Konfrontation, in der Autor:innen aus Osteuropa im Westen als Symbol des politischen Kampfes gegen totalitäre Systeme galten, was z.B. Milan Kundera am Beginn seines Exillebens scharf kritisierte .

Trotz aller Entwicklung und Veränderungen hat Exilliteratur immer etwas Eigentümliches in sich, das aus der ihr innewohnenden ursprünglicher Kultur erwächst. Deshalb kann diese Art Literatur durch Neuerungen die einheimische Literatur bereichern.

 

Die Situation Exilierter und die mit Migration allgemein einhergehende Vielfältigkeit der Kultur, stellt sich für mich im botanischen Bild der Obstbaumveredelung darauf eine einheimische Sorte können verschiedenste aufpfropfen. Die unterschiedlichen Fruchtsorten haben dann einen gemeinsamen Stamm und gleiche Wurzeln, wenn alles gut geht, können sie sich gegenseitig befruchten und etwas Neues entsteht.  



[1] E. M. Cioran: Dasein als Versuchung. Übertragen von Kurt Leonard. Stuttgart 1983, S. 67

[2] Esmail Nooriala: Seh peleh ta schokuh. London 1991, S. 89. Übersetzung von mir (M. F.)

[3] Den Roman Die Schatten habe ich auf Persch verfasst (1997), er wurde von Behzad Abbassi ins Deutsche übersetzt und erschien im Sujet Verlag-Bremen (2003), 2. Aufl. 2013

[4] Mahmood Falaki: Klang aus Ferne und Felsen. Sujet Verlag, Bremen 2008, S. 39

[5] M. Falaki: Ebd. S. 38

[6] Mhmoud Massoudi: Soratalghorab. Stockholm 1996, S. 74. Übersetzung von mir (M. F.)

[7] Mirza-Agha Asskari (Hg.): Anthologie (Gedichte von iranischen Lyrikern im Exil). Stockholm 1992, S. 157, Übersetzung von mir (M. F.)

[8] Reza Farmand: Entezar. Stockholm 1989, S. 106. Übersetzung von mir (M. F.)

[9] Mahmood Falaki: Klang aus Ferne und Felsen. Sujet Verlag, Bremen 2008, S. 44

[10] Mani: In: Baressi-ye ketab (Book Review). Nr. 4, Los Angeles, 1990, S. 359

[11] Ebd; S. 302

[12] Lion Feuchtwanger: Arbeitsprobleme des Schriftstellers im Exil. In: Hans Mayer (Hg.): Deutsche Literaturkritik. Band 4; Frankfurt a. M. 1983, S. 200