Es war der 28. Februar, sechs Uhr siebzehn am Morgen, als mich das Vibrieren meines Telefons weckte, das dumpf durch die Matratze drang. Ein Anruf meiner Freundin aus Teheran zu dieser frühen Stunde war ungewöhnlich. Als ich abnahm, sagte sie mit erstickter Stimme:

„Sie haben angegriffen, Maryam... Oh Gott, Maryam... es ist Krieg.“

Sie erzählte von einem ohrenbetäubenden Knall und von Rauch, den sie aus ihrem Fenster aufsteigen sah. Und bevor sie auflegte, sagte sie: „Wenn das Internet abgestellt wird, leb wohl. Ich hab dich sehr lieb.“ An Internetblockaden waren wir längst gewöhnt; von kleineren Zwischenfällen bis hin zu diesem Moment, in dem nun tatsächlich Krieg ausgebrochen war. Wir hatten die Nachricht vom Krieg noch gar nicht richtig begriffen, doch unser Unterbewusstsein schien sich bereits in dieser allerersten Sekunde auf den bevorstehenden Verbindungsabbruch zu unseren Liebsten vorzubereiten. Ich versuchte hastig, meine Familie in Ahvaz zu erreichen. Einer war bereits bei der Arbeit, ein anderer sagte, die Kinder seien in der Schule. In jenem Augenblick spürte ich eine surreale Distanz zwischen der vertrauten Alltagsnormalität und dem, was sich gerade anbahnte. „Holt sofort die Kinder ab!“, schrie ich ins Telefon, doch sie wussten noch gar nicht recht, was überhaupt vor sich ging.
Wenige Minuten später brachen die Verbindungen nacheinander ab. Es dauerte keine zehn Minuten, vielleicht sogar weniger. Doch in genau diesen wenigen Minuten verstummte alles im Iran: das Internet, die Telefonnetze, die Stimmen.

Die Geometrie der Polarisierung
In den dunklen Tagen der Ungewissheit erfasste eine Welle gemeinsamer Emotionen die iranische Diaspora: Sehnsucht, Sorge und schiere Angst. In unseren Herzen und Köpfen kreiste unaufhörlich dieselbe Frage: Wie geht es den Menschen im Iran jetzt? Gibt es Wasser? Funktioniert der Strom? Ist Benzin aufzutreiben?

Diese kollektive Verzweiflung schweißte die Menschen zunächst zusammen. Versammlungen und Demonstrationen entstanden, um den verstummten Stimmen im Inneren einen Weg nach draußen zu bahnen. Doch diese Nähe war für viele nur von kurzer Dauer. Politische Diskrepanzen und ideologische Strömungen ließen die zarten Knospen neuer Freundschaften rasch verdorren und stellten selbst alte Weggefährtschaften auf eine harte Probe.

Manchmal flüchte ich mich aus purer Sehnsucht und Einsamkeit in die sozialen Medien, und werde jedes Mal mit einer nackten, schonungslosen Polarisierung konfrontiert: Einem „Nein zum Krieg“ steht ein provokantes „Thank you, Trump and Bibi Netanyahu“ gegenüber. Zwei Lager, die sich nicht nur in ihren Worten, sondern auch in Gebaren und Tonfall attackieren, und das manchmal sogar auf offener Straße.

Inmitten dieses Zerwürfnisses habe ich das Gefühl, weder einen festen Standpunkt noch eine klare Wahl zu haben. Ich schaue nur zu, und doch fühlt es sich an, als würde ich von beiden Seiten Schläge einstecken: von der einen Seite die Ohrfeige der Wut, von der anderen die des Hasses. Ich weiß nur, dass ich nichts weiß, und eben dieses Nichtwissen ist unerträglich geworden.
Manchmal frage ich mich leise: Welche Rolle spielten wir als einfaches Volk eigentlich beim Ausbruch dieses Krieges, dass wir nun gezwungen sein sollen, Stellung zu beziehen?

Nachrichten aus dem Dunkeln
Mit der tröpfchenweisen Rückkehr des Internets schwappt eine Welle von Nachrichten aus dem Inneren zu uns; Nachrichten, die den Kloß im Hals nur noch schwerer und erdrückender machen. Verhaftungswellen, Massenprozesse, konstruierte Anklagen und drakonische Strafen wie langjährige Inhaftierungen und Hinrichtungen. Hinzu kommen die Bilder zerstörter Häuser, trauernder Zivilisten und der Kinder aus der Schule in Minab, deren Namen unaufhörlich wiederholt werden, Bilder, die sich wie frische Wunden in unsere Seelen brennen. Medikamentenmangel, unaufhaltsame Inflation und wirtschaftlicher Druck haben das ohnehin zermürbende Alltagsleben weiter ruiniert.

Was richtet dieser Krieg mit den Menschen an? Und was mit der herrschenden Machtstruktur? 

Wenn ich mit verschiedenen Menschen spreche, insbesondere mit jenen im Ausland, die sich bemühten, das Sprachrohr der Menschen im Iran zu sein, und sie frage: „Was fordert ihr von der internationalen Gemeinschaft?“, offenbaren die Antworten, dass es keinerlei Konsens über den Weg in die Zukunft gibt.
Einige fordern eine militärische Intervention. Andere schweigen oder sind schlicht ratlos. In den Bewegungen der letzten Jahre haben wir meistens laut gerufen: „Das Regime begeht Verbrechen, und wir wollen die Mullahs nicht mehr“, doch wir haben uns kaum mit unseren konkreten Forderungen und dem Weg dorthin auseinandergesetzt. So antwortete beispielsweise ein Vater, dessen Kind im iranischen Wintermonat Dey getötet worden war, bei einem Treffen mit einem deutschen Bundestagsabgeordneten auf die Frage, was er von den Menschen in Europa erwarte, lediglich: „Hört unsere Stimmen.“ Der Abgeordnete hörte bereits zu, doch eine konkrete Forderung blieb aus.

Hoffnung in den Händen der neuen Generation 
Letztendlich wussten wir immer viel genauer, was wir nicht wollten. Doch als die Alternativen real wurden, blieb zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der lähmenden Angst vor deren Konsequenzen kein Raum für eine klare Haltung. Ebendiese Zerrissenheit ist der Grund dafür, dass die Antworten auf die Frage, ob ein militärischer Angriff die Rettung für das Volk sei, so vielfältig und teils widersprüchlich ausfallen: 
- Die einen fordern vehement den Krieg.
- Die anderen glauben, dass dieses System ohnehin von innen heraus kollabieren wird.
- Wieder andere sind zutiefst überzeugt, dass der Wandel aus dem Herzen des Volkes kommen und von ihm selbst herbeigeführt werden muss.

Und vielleicht ist es inmitten all dieser Wirrungen die neue Generation, die eine völlig neue Bedeutung erschafft. Eine Generation, die mit dem Internet und einer ständigen Verbindung zur Welt aufgewachsen ist und nun unmissverständlich auch auf den Straßen Präsenz zeigt: Mit geballten Fäusten, die ihr eigenes Recht und das der Frauen ihres Landes einfordern. Mit starken Schultern, die den verletzten Kameraden tragen. Und mit Botschaften, die sie mutig für ein Morgen in Freiheit schreibt.

Diese Generation vermag es, dem Iran eine andere Zukunft zu gestalten, eine Zukunft, deren endgültige Form noch im Verborgenen liegt, doch die Hoffnung darauf lebt unermüdlich weiter.