Die Pakete waren immer an ihn nach Hamburg in Germany adressiert. Sie waren nicht allzu schwer, mal größer als ein Schuhkarton, mal kleiner. Von der Absenderadresse konnte ich nur das Ursprungsland erkennen.
Er kam mit seinen Postsendungen, ohne sie zu öffnen, direkt zu mir in meine Schneiderei. Als jahrelanger treuer Kunde war sein Vertrauen zu mir so groß, dass ich alle Paketinhalte einsehen durfte.
Abdelkarim war ein Imam aus Nigeria. Seine Moschee befand sich im einem Keller in St. Georg, eine ziemlich bescheidene kleine Moschee in der Mitte vom Steindamm. Eine große Schar afrikanischer Muslime bildete seine Anhängerschaft. Beim Freitagsgebet war seine Moschee immer total überfüllt.
Im Gegensatz zu manchen Afroamerikanern wie Mohammad Ali Kley, Joe Frazier sowie auch Euroamerikanern wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone war er von eher schmächtiger Statur. Er trug einen dunkelgrauen Vollbart und kurzes Kopfhaar. Sein Markenzeichen: Herzhaftes Lachen.
Die Sendungen aus Saudi- Arabien, die alle paar Monate mit Bekleidungsstücken für den Imam eintrafen, landeten regelmäßig in meiner Änderungsschneiderei, um die nötigen Anpassungen vorzunehmen. Ein weißes Gewand mit feinem Dekor war immer dabei. Es musste behutsam auf die Körpermaße des Imams angepasst werden. Es war in Länge und Bereite von beeindruckend großzügigem Schnitt. Seinen Halsausschnitt mit dem Schlitz vorne und die Brusttasche zierte häufig eine goldene Borte.
Abdelkarim legte außergewöhnlich großen Wert auf seine äußere Erscheinung und verlangte stets ausdrücklich die allersorgfältigste Arbeit von mir, was ich ihm selbstverständlich jedes Mal sehr respektvoll zusagte.
Der Imam feilschte überaus gern. Obwohl ich feste Preise hatte, schaffte er es immer, den Preis zu drücken, und das gleich zweimal. Er feilschte, wenn er die zu ändernden Sachen brachte, und dann noch einmal, wenn er die geänderten Sachen abholte. Einen Änderungspreis von 30 Euro zum Beispiel drückte er zunächst auf 25 Euro.
Beim Abholen nahm er seine Kleidungsstücke immer gründlich unter die Lupe und prüfte akribisch, ob alle vereinbarten Änderungen einwandfrei erledigt wurden. Oftmals konnte er dabei sogar feststellen, dass deutlich mehr getan wurde als er erwarten durfte, denn versteckte kleinere Mängel, die mir bei der Bearbeitung der Kleiderstücke aufgefallen waren, hatte ich stillschweigend behoben.
Also, er bekam immer perfekte Arbeit von mir. Bei der Begutachtung meiner Leistungen lobte er mich auf seine Art und meinte: “Wenn es einen richtigen Muslim in St. Georg gibt, dann bist du es.“ Doch aufgrund unserer langen Bekanntschaft wusste er sicherlich, dass ich seinen Glauben, an dem er mit Inbrunst hing, keineswegs teilte.
Für meine Arbeit zahlte er dann jedoch nicht denn bereits von 30 auf 25 Euro gedrückten Preis, sondern legte nur noch 20 Euro auf den Tisch und murmelte kaum verständlich in seinen Aart: “Gut so!“. Auf meinen Protest, dass wir uns auf 25 Euro geeinigt hätten, erwiderte er: „Ja, du hast recht, aber für 5 Euro bete ich für dich!“ Ironisch gab ich dann manchmal lautstark zurück: „zahle mir 40 Euro, dann bete ich für dich für 10 Euro!“
Als ich dabei war, diese Geschichte zu erzählen, fiel mir ein Gedicht des großen persischsprachigen Dichters Rumi (1207-1273) in die Hände. Es trägt den Titel „Mühle“.
Mühle
Eines Tages ging ein Religionsgelehrter zur Mühle und fragte den Müller: „Weißt du, wer ich bin? Ich bin ein frommer Mann und dem barmherzigen Gott sehr nah. Was ich von Ihm erbitte, geht sofort in Erfüllung. Nun beeile dich und mahle meinen Weizen. Ich werde für dich beten, dass deine Mühle in ein Schloss verwandelt werde“. Der Müller lächelte süffisant und entgegnete: „Ich behandele alle Menschen gleich, und hier wird der Reihe nach gemahlen“. Der Mullah aber konnte diese Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person nicht ertragen und rief zornig mit erhobener Stimme gen Himmel: „Möge Gott die Mühle über deinem Kopf zusammenstürzen lasen!“ Der Müller erwiderte daraufhin gelassen: „Wenn deine Gebete wirklich erhört werden, dann bitte Gott darum, dass auf der Stelle dein Weizen gemahlen wird!“
Ahmad Hosseini
August 2018
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