Es war kalt. Bitter kalt.
Hier und da lagen vereiste Schneemassen auf dem Boden. Eisiger Wind peitschte uns ins Gesicht. Es war Februar und für Hamburger Verhältnisse ungewöhnlich kalt. Sie zitterte erbärmlich. Und obwohl nur leicht bekleidet, wollte sie unbedingt nach New York!
Ich war im Stadtteil St. Georg unterwegs und wollte nach getaner Arbeit nach Hause gehen. Da kam mir unversehens eine niedliche ältere Frau entgegen, ging geradewegs direkt auf mich zu, richtete ihren Blick unverwandt auf mein Gesicht und stellte mir ohne Umschweife die Frage: „Wann fliegt mein Flugzeug nach New York? Kannst du mich zum Flughafen bringen?“
„Ja, natürlich kann ich“, habe ich geantwortet.
Ihre Lippen waren von der bissigen Kälte dunkelblau. Ihre Finger ähnelten Eiszapfen, die starr an einem Baumzweig hängen. Sie war in dieser frostigen Winterzeit ganz und gar unzureichend bekleidet, trug keinen wärmenden Mantel und keine Mütze, sondern bloß eine bunt gemusterte Baumwollbluse und eine locker sitzende Hose aus dünnem Stoff. Ihre Füße bedeckten keine festen Straßenschuhe, sondern nur ein Paar Hausschuhe, aus denen ungepflegt rot lackierte Fußnägel hervorleuchteten.
Ich sagte ihr, dass es in New York sehr kalt sei und dass es dort zurzeit gerade schneie. Und fuhr fort, dass laut aktueller Nachrichtenlage bis zu fünfzig Zentimeter Schnee auf den Straßen New Yorks lägen. Und noch schlimmer, das Stromnetz sei zusammengebrochen und viele Haushalte hätten keinen Strom, keine Heizung und kein fließendes Wasser. Sie nickte mit dem Kopf und gab sich so, als ob Sie über all das Bescheid wisse!

Sie zitterte ununterbrochen die ganze Zeit. Ich legte meinen Arm um ihren Rücken, sodass mein offener Mantel auch sie vor der Kälte schützte. Sie spürte die Wärme und legte ihren Kopf sanft auf meine Schulter. Ein zartes Lächeln erblühte auf ihren Lippen. Sie fühlte sich geborgen. Ohne den Kopf zu mir zu drehen, flüsterte sie: „Nun können wir zum Flughafen fahren!“
Ich sagte: „Ja. Wir gehen gleich. Aber in New York schneit es gerade. Du musst ein warmes Kleid anziehen. Wir gehen zuerst zu dir, damit du deinen Koffer packst! Sie nickte zustimmend.
Ihr Zuhause vermutete ich im nahe gelegenen Altenheim. Und tatsächlich, als wir dort eintrafen, standen bereits die Polizei und die aufgeregte Heimleiterin suchend umherblickend vor dem Eingang des Heimes.
Ahmad Hosseini
Februar 2021
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