Zwei Brüder
Ahmad Hosseini
Zwei hoch begabte Brüder schmiedeten einen Plan. Sie stammten aus einer großen Familie. Die Familie war arm, bitter arm. Die Eltern konnten ihre Kinder nicht zur Schule schicken.
Zwei von ihnen waren aber überaus begabt und handwerklich sehr talentiert und geschickt. Es gab keine Gegenstände, kein Gesicht und keine Landschaft, die sie nicht einfach originalgetreu und künstlerisch skizzieren, zeichnen oder malen konnten.
Beseelt von dem brennenden Wunsch, ihr Talent zu kultivieren, suchten sie nach einem Ausweg aus ihrer scheinbar hoffnungslosen Situation.
Sie wollten unbedingt studieren oder eine Kunstakademie besuchen. Aber da fehlte es bei ihnen am wichtigsten Mittel: Ja, sie hatten keinen einzigen Dukaten in ihrer Geldbörse. Der Vater konnte den Hunger so vieler Kinder nur mäßig stillen. Und für die Ausbildung war kein Taler übrig.
Die beiden Brüder fassten einen Entschluss. An einem Sonntag gingen sie in die Kirche, um dort eine Münze hochzuwerfen.
Die Münze sollte entscheiden, wer von ihnen ein Studium aufnehmen darf und wer das nötige Geld dafür verdienen muss. Sie hatten an der Schwelle der Kirchentür geschworen, ihr Schicksal kommentarlos und ohne geringste Zweifel dem Fall der Münze zu überlassen.
Die beiden begannen dann umgehend mit der Verwirklichung der Entscheidung. Der von der Schicksalsentscheidung Begünstigte wendete sich der bildenden Kunst zu und der andere krempelte seine Ärmel hoch, um Geld zu verdienen. Er wusste von Anfang an, dass ein hartes Leben und eine schwere Zeit auf ihn wartete. Er musste alle Hindernisse aus dem Weg räumen, damit sein Bruder ungehindert und sorgenfrei studieren konnte. Zwischen beiden herrschte ein eifriger Wettbewerb, sich des brüderlichen Vertrauens würdig zu erweisen. Es war harte Arbeit. Keiner wollte den anderen enttäuschen und auf keinen Fall alleinlassen.
Der angehende Künstler besuchte hochrangige Maler- und Kunstakademien, reiste durch große Städte, um renommierte Kunstprofessoren zu besuchen, und ließ sich von ihnen unterrichten, um sein handwerkliches Geschick so rasch wie möglich auf ein bewundernswertes Spitzenniveau zu bringen.
Bald türmte sich vor ihm ein beachtlicher Stapel hochwertiger Kunstwerke. Sein Name wurde bekannt, und seine Arbeit und Kunst wurden hochgeschätzt. In kurzer Zeit zog er die Aufmerksamkeit vieler Kunstliebhaber auf sich. Ranghohe Staatsmänner, Kirchenmänner und Kunstsammler gaben ihm zahlreiche Aufträge. Seine Auftragsliste wurde länger und länger.
Während der aufstrebende Künstler zielbewusst die Stufen des Erfolgs erklomm, ging sein pflichtbewusster Bruder Tag und Nacht der harten Arbeit im Steinkohlenbergbau nach. Er wollte den studierenden Bruder nicht im Stich lassen.
Seine jungen weichen Hände begannen infolge der schweren Arbeit allmählich hart, knochig und rau zu werden. Grobe Hornhaut bildete sich überall an seinen Händen. Seine Handgelenke taten öfter weh, und sein Allgemeinzustand schwächte sich von Tag zu Tag. Aber er gab nicht auf, sondern hielt unerschütterlich an seinem Versprechen fest. Er schickte großzügig Geld an seinen Bruder, damit dieser die besten Kunstakademien besuchen konnte.
Als das Studium des begabten Künstlers zu Ende war, versammelten sich alle Mitglieder der großen Familie um einen Tisch und zelebrierten ein großes Fest.
Am Tisch verkündete der Künstler den Anwesenden, dass er sein Studium der Hingabe und Aufopferung seines Bruders zu verdanken habe, und um seine Dankbarkeit zu bezeugen, verbeugte er sich vor dem Bruder und küsste dessen Hände.
Mit bewegenden Worten ließ er die Familie sodann wissen, nun dem Bruder die Möglichkeit zu bieten, an den besten Kunstakademien der Welt zu studieren. Denn das war der zweite Teil des Versprechens, das die beiden Brüder einander vor ein paar Jahren an einem Sonntag vor der Kirchentür gegeben hatten.
Als der Künstlerbruder seine Rede beendet hatte, zeigte der Arbeiterbruder seine verformten und verkrümmten Finger und seufzte: Er sei nach so vielen Jahren harter Arbeit nicht mehr in der Lage, einen Bleistift oder Pinsel in der Hand zu halten, geschweige denn feine und zarte Linien für ein Gemälde auf eine Leinwand zu zaubern.
Der Künstler verewigte diese Hände in einer Zeichnung als betende Hände, um seine tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.
August 2017
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